Die Eisenbahn in Geisecke

Die Eisenbahngeschichte in Geisecke beginnt 1862 mit der Planung der oberen Ruhrtalbahn. In diesem Jahr startet die Regierung in Arnsberg eine Anfrage an die, die Strecke berührenden Landkreise, um eine Beteiligung an den Kosten bei Errichtung einer Haltestelle.

Geisecke ist die einzige in Frage kommende Gemeinde im Landkreis Hörde, sie lehnt eine Beteiligung mit der Begründung ab, die Bahnlinie habe für die Gemeinde Geisecke keinen Nutzen.

Im Jahre 1864 kommt es, auf Anregung der „Königlich Preußischen Eisenbahndirektion“, zu einer weiteren Anfrage durch die Regierung in Arnsberg. Der Landrat antwortet für die Gemeinde [Auszug]:

„Die Vertreter derselben haben schon früher eine Beteiligung an dem fraglichen Bahnbau abgelehnt, und sind auch jetzt nicht geneigt, den Grund und Boden unentgeltlich herzugeben. In der Gemeinde Geisecke, welche etwas über 200 Einwohner zählt, wird nur Ackerbau betrieben und als Industriezweig kann nur die kleine Branntweinbrennerei eines Gutspächters bezeichnet werden, es ist somit freilich, wie die Gemeindevertretung hervorgehoben hat, für Geisecke kein Gewinn in Aussicht“.

Am 1. Oktober 1866 erhält die „Bergisch Märkische Eisenbahngesellschaft“, durch die „Königlich Preußischen Eisenbahndirektion“, die Konzession zum Bau der Bahn.

Im Juli 1866 fordert der Landrat die Gemeinde Geisecke auf, bei Interesse an einer Haltestelle, jetzt unmittelbar einen begründeten Antrag zu stellen.

Im Jahr 1868 hat sich die Meinung der Geisecker gewandelt, jetzt stellt die Gemeinde einen „begründeten“ Antrag [siehe PDF Datei]. Jetzt wird der Antrag durch die Königliche Eisenbahndirektion abgelehnt.

Die Gemeinde erneuert 1869 den Antrag und bietet eine Kostenbeteiligung von 2.200,- Taler an, die 200,- Taler hat Lichtendorf beigesteuert. Die Gemeinden Hennen, Ergste und Opherdicke lehnen eine Beteiligung ab. Auch dieser Antrag wird von der Eisenbahndirektion abgelehnt.

Am 01. Juni 1870 wird die Strecke von Schwerte bis Arnsberg eröffnet. Die weiteren Abschnitte werden am 18. 12. 1871 bis Meschede, am 01. 07. 1872 bis Nuttlar und das letzte Teilstück bis Warburg am 06. 01. 1873 in Betrieb genommen.

Auf dem Gebiet der Gemeinde Geisecke sind fünf beschrankte Bahnübergänge und zwei Bahnwärterhäuser erbaut worden.

Im Jahre 1873 haben eine Reihe von Ärzen aus Schwerte und Umgebung wegen der gesundheitlichen Bedeutung des Heilbades „Wellenbad“, an die Eisenbahndirektion, einen Antrag auf Halt einiger Züge in Geisecke gestellt. Das daraufhin die Haltestelle in Geisecke eingerichtet wurde ist eine Legende. In allen sechs Anträgen der Gemeinde ist zwar auch jedes Mal unter anderem das Wellenbad erwähnt, doch von der Eisenbahndirektion wurde nie darauf eingegangen. Auch ist kein Antwortschreiben auf den Antrag der Ärzte überliefert, und keiner der überlieferten Fahrpläne weist ein Halt in Geisecke aus.

In den Jahren 1884, 1885 und 1888 wurde der Antrag durch Gemeinde auf Errichtung einer Haltestelle, mit Unterstützung durch den Amtmann und den Landrat, erneut gestellt. Alle drei Anträge wurden durch die Eisenbahndirektion mit der Begründung abgelehnt, dass die Investitionen bei dem zu erwartenden Nutzen zu hoch seien.

Ein weiteres Gesuch im Jahr 1889 stellt der Landrat persönlich direkt an das Ministerium in Berlin. Die Gemeinde ist nun bereit, anstatt eines einmaligen Zuschusses von 2.000,- Mark, eine Beteiligung an den laufenden Kosten von jährlich 200,- Mark auf 15 Jahre zu leisten.

Diesmal geht die königlich Preußische Eisenbahndirektion auf den Antrag ein, unter der Bedingung dass ein einmaliger Baukostenzuschuss von 2.000,- Mark geleistet und der benötigte Baugrund von 787 m2 unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden.

1890 verkauft der Gutsbesitzer Heinrich Schulte der Gemeinde 7 Ar 87 m2 an Bauland für die Haltestelle, zum Preis von 42 Mark pro m2.

Am 01. Oktober 1890 halten in Geisecke die ersten Züge, je vier in beiden Richtungen, zwei am Vormittag und zwei am Nachmittag. Im ersten Jahr, 1891, nutzen 3775 Fahrgäste die Haltestelle Geisecke.

Ein Antrag auf Halt zweier weiterer Züge wird von der Eisenbahndirektion, mit Hinweis auf Anschlussprobleme, abgelehnt.

Ein großes Problem bereitet der Eisenbahn und den Fahrgästen zu dieser Zeit die unterschiedlichen Ortszeiten. Die Eisenbahn versuchte dem mit einer eigenen Eisenbahnzeit, meist die Berliner Zeit entgegen zu wirken. So gab es neben den zwei verschiedenen Ortszeiten, z. B. zwischen Schwerte und Köln noch eine die Eisenbahnzeit.

Das ändert sich, als am 01. April 1893 die MEZ eingeführt wird. Der Meridian verläuft durch Stargard in Pommern bzw. durch Görlitz in Schlesien, sodass bei uns die Uhren um 29 Minuten vorgestellt werden mussten.

Im Jahre 1905 beantragt die Stadt Dortmund für die Pumpstation Hengsen einen Gleisanschluss für die Kohlenlieferungen.

Die Eisenbahndirektion lehnt den Antrag mit der Begründung ab, dass die Genehmigung eines Anschlusses auf freier Strecke aus Betriebsgründen nicht zulässig sei.

Daraufhin erneuert die Stadt Dortmund ihren Antrag und schlägt vor den Haltepunkt Geisecke zu einer Haltestelle für den Güterverkehr auszubauen und das beabsichtigte Gleis daran anzuschließen.

Die Antwort der Eisenbahndirektion [Auszug]:

„Nach den von uns angestellten Ermittlungen über den Umfang des erwartenden Verkehrs beim Ausbau des Haltepunktes Geisecke stehen jedoch die für den Ausbau der aufzuwendenden Kosten in Höhe von 200 bis 250.000,- Mark in keinem angemessenen Verhältnis zu den zu erwartenden Einnahmen.

Da aber der Ausbau des Haltepunktes Geisecke für die Stadt Dortmund wegen der beabsichtigten Privatanschlussanlage daselbst und auch für die Gemeinde von großem wirtschaftlichen Nutzen sein wird, so würden wir dem Ausbau eventuell näher treten, wenn die Stadt Dortmund und die Gemeinde Geisecke sich mit einem erheblichen Betrag zu den Baukosten bereitfinden würden“.

Nach zähen Verhandlungen [siehe PDF-Datei] wird 1908 zwischen der Gemeinde Geisecke und der Eisenbahndirektion der Vertrag über den Bau des Rangierbahnhofes geschlossen. Die Beteiligung beläuft sich auf 70.000,- Mark, davon übernehmen die städtischen Wasserwerke Dortmund 60.000,- Mark und die Gemeinde Geisecke die restlichen 10.000,- Mark. Der Zuschuss wird in voller Höhe sofort bei Baubeginn fällig.

Der Bau des Rangierbahnhofes wird im September 1911, mit der Brücke an der Ausfahrt bei Lappenhausen, begonnen.

Mit dem Bau des neuen Bahnhofsgebäudes, der Eisenbahnersiedlung an der Geisecker Talstraße und dem „Sekretärswohnhaus“ [Ecke Kellerbach – zum Wellenbad] wird 1912 begonnen. Ebenso mit der Anlage eines dritten und vierten Geleises vom Block Grüntal bis Geisecke.

Ein Antrag der Gemeinde auf einen Nordausgang des Bahnhofes wird von der Eisenbahndirektion abgelehnt.

1912 werden am Bahnhof Geisecke 27.480 Fahrkarten verkauft, ein Jahr später sind es 36.214 Fahrkarten.

Am 1. Oktober 1913 wird der Rangierbahnhof mit den ersten 20 Gleispaaren in Betrieb genommen.

In der Krümmde werden 1913/14 an der damaligen „Hohenzollernstraße“, mithilfe der Eisenbahner Wohnungsbaugesellschaft Holzwickede, sechs private Wohnhäuser gebaut.

Der neue Bahnhof bekommt am 1. Oktober 1914 den Namen „Geisecke (Ruhr)“.

1916 erreicht der Rangierbahnhof mit 42 Gleispaaren, auf 2,8 km Länge 300 m Breite seine größte Ausdehnung. Im Bahnhof waren 140 Beamte beschäftigt, es wurden täglich 2.000 Waggons rangiert.

Wegen des 1. Weltkrieges und schwierigen wirtschaftlichen Lage danach wurden die geplante Drehscheibe mit Lockschuppen und weitere Wohnhäuser in der Krümmde nie verwirklicht.

Nach Verzögerungen durch den 1. Weltkrieg wird in Schwerte-Ost 1918 mit dem Bau des Ausbesserungswerkes und der Eisenbahnersiedlung begonnen. Das Werk wird 1922 in Betrieb genommen.

In Geisecke wird 1926 an der Straße zum Kellerbach mit dem Bau der zweiten Eisenbahnersiedlung begonnen.

Der Rangierbahnhof wird 1929 während der Weltwirtschaftskrise geschlossen.

Ende 1938 wird damit begonnen den verwilderten Rangierbahnhof wieder betriebstauglich zu machen, und schon 1939 als einer der Größten in Westdeutschland wieder in Betrieb genommen.

Im Frühjahr 1940 fallen die ersten Bomben auf den Geisecker Bahnhof, es wurden die Durchfahrtsgleise getroffen, Personen kamen nicht zu schaden.

Bei Angriffen am 20. [96 Bomber] und 23. März 1945 [137 Bomber] mit Brand- und Sprengbomben durch die amerikanische Luftwaffe wurde der Bahnhof total zerstört. Es sollen rund 3.000 Bombentrichter gezählt worden sein.

Bei dem Angriff am 20. März wurde der Hof Peetz in Overberge total zerstört, es gab insgesamt neun Tote, darunter die ganze Familie Peetz, die Eltern mit vier Kindern. Bei dem gleichen Angriff zerstörten 38 Bomben auf Gebäude und Umgebung den ehemaligen Adelssitz „Haus Hennen“, fünf Tote waren zu beklagen.

In Geisecke sind bei den Angriffen zwei Einwohner und mindestens fünf ausländische Zwangsarbeiter ums Leben gekommen. Im April 1948 sind auf dem Bahnhofsgelände aus einem Bombentrichter nochmals sechs Leichen, darunter drei Wehrmachtsangehörige, geborgen worden, deren Identität nicht mehr geklärt werden konnte.

Nach den Angriffen war das Bahnhofsgelände Ziel zahlreicher Plünderer, die in den Trümmern nach Verwertbaren suchten. Diese Aktionen waren nicht ganz ungefährlich, einmal wegen des Verbotes aber auch wegen der zahlreichen Blindgänger.

Am 5. Oktober 1945 ereignete sich in Geisecke, auf Höhe der Brunnenstraße, ein schweres Zugunglück mit 13 Toten.

Die veränderte politische Lage in Westeuropa nach dem Krieg machte den Rangierbahnhof Geisecke überflüssig, er wurde nicht wieder aufgebaut.

In den Jahren 1956/57 wurde an der Straße zum Kellerbach die dritte Eisenbahnersiedlung gebaut.

Mit der Schließung der Personenhaltestelle am 29. Mai 1983 endet die Geisecker Eisenbahngeschichte.

Einige Tage vorher macht ein einfaches Pappschild am Eingang des Bahnhofes auf die Schließung aufmerksam:

Achtung!

Ab dem 29.Mai 1983 halten in Geisecke keine Reisezüge mehr.

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